Backhaus / Bake House /باكهاوس

Leitung eines Projektbüros in der HCU Summer School und Teilnahme am kooperativen Gutachterverfahren „Building a Proposition for Future Activities“ vom 11. bis 26.09.2017.

Entwurf eines Begegnungshauses, Hamburg-Poppenbüttel

 

Das Begegnungshaus Poppenbüttel 43 ist durch zwei zentrale Entwurfsmotive geprägt, die im Rahmen des Architekturworkshops der HCU- Summerschool von einem transdisziplinären und transkulturellen Team herausgearbeitet wurden: der Backofen und der Baum.

Der Backofen ist das Herz des Hauses. Er verbindet innen und außen, die alten und die neuen Nachbarn, die Alltagspraktiken unterschiedlicher Bewohner. Als weithin sichtbares architektonisches Element ist er ein Symbol, erfüllt aber zugleich eine wichtige Funktion: Die Bewohner der benachbarten Einfamilienhaussiedlung vermissen schon lange eine Bäckerei und ein Café in Laufnähe. Die neue Bebauung am Poppenbütteler Berg wiederum ist als reine Wohnsiedlung ohne Gewerberäume und Läden geplant. Das „Backhaus“ mit Café öffnet sich mit einer großzügigen, umlaufenden Loggia sowohl zum Spielplatz und zur Einfamilienhaussiedlung nach Süden als auch zur neuen Wohnbebauung nach Westen.

Das Brotbacken bietet alltägliche Möglichkeiten der Begegnung und des gemeinsamen Tuns: norddeutsches Schwarzbrot trifft auf syrisches Fladenbrot.

Der Baum ist eine sieben Meter hohe massive Stütze, die frei in der offenen Halle des Begegnungshauses steht und das Dach trägt. Von dieser Stütze aus spannen unterschiedlich geneigte Dachträger zu den vier Giebelseiten des Hauses. Die Konstruktion betont den zentralen Raum des Begegnungshauses, an den alle anderen Räume andocken.

Die Dachkonstruktion spannt über das gesamte Baufeld von 20 x 20 Metern und ermöglicht dadurch eine Verzahnung von Innen- und Außenräumen.

Mit dem Schornstein und dem geneigten Dach nehmen wir architektonische Elemente der Umgebung auf, die von suburbanen Einfamilienhaussiedlungen geprägt wird. Das Begegnungshaus wird zum öffentlichen Wohnzimmer im für alle zugänglichen Garten.

Das Raumkonzept

Alle Funktionen des Hauses sind um die offene Halle angeordnet, die von der zentralen Wegeverbindung im Norden zum grünen Spielplatz im Süden reicht. Im Westen schließen die Sanitärräume und eine offene Küche mit Kiosk an, im Osten eine Werkstatt, ein Büro und ein Bühnenraum, der durch eine flexible Wand in zwei abgeschlossene Räume für Lernen und Unterrichten geteilt werden kann. Der Bühnenraum ermöglicht eine Erweiterung der Halle für größere Veranstaltungen oder Aufführungen.

An der Ostseite nutzt der Entwurf den Höhensprung des Geländes: Die um einen Meter tiefer liegende Werkstatt öffnet sich mit einem Tor zum Grün und zum Wald. Über den Außenraum können drei Lager- und Reparaturräume erreicht werden. So entsteht an der Ostseite des Hauses, abgewandt von der Wohnsiedlung, ein eigener Werkstattbereich mit Innen- und Außenflächen, der etwa als Fahrradwerkstatt genutzt werden können.

Die vier Giebelseiten

Das Begegnungshaus öffnet sich nach allen vier Seiten mit einer giebelständigen Fassade. Jede Seite hat ihr Thema: Im Norden bietet das Haus großzügige Einblicke in die Halle und in die Werkstatt. Vom Eingang im Nordwesten führt eine breite umlaufende Loggia entlang einer Infowand und einer langen Sitzbank mit Außensteckdosen zum Kiosk und zum Café im Süden. Die Südloggia öffnet die Halle und die Küche zum Spielplatz und zu den Trampelpfaden, die sich zum Kramer-Kray-Weg bilden können. An der Südostecke ist der Backofen angeordnet, der von innen und außen bedient werden kann und dadurch auch für Picknicks genutzt werden kann. Die tieferliegende Ostseite ist die Werkstattseite, deren informelle Außenräume durch Böschungen und Sitzstufen mit dem Park verzahnt sind. Dort gibt es auch von außen zugängliche Lagermöglichkeiten für Grills, Spiel- und Gartengeräte.

Flächen und Zugänglichkeit

Insgesamt hat das Begegnungshaus eine Grundfläche von rund 278 Quadratmetern, hinzu kommen 121 Quadratmeter überdachte, für verschiedene kommunikative Funktionen nutzbare Außenfläche in Form der Loggia. Durch die unterschiedlichen Raumhöhen unter dem Baumdach entsteht zudem eine dritte, informelle Nutzungsebene, die mit Leitern erreicht werden kann: ein „Dachboden“ für zurückgezogenes Arbeiten, Lernen und Spielen. Die Flächen über dem Büro und dem Sanitärblock können bereits jetzt genutzt werden, weitere Flächen können eventuell später ausgebaut werden.

Der Eingang im Nordwesten dient der Orientierung: Dort gibt es Informationen zum Programm des Hauses und eine Vitrine mit in der Werkstatt hergestellten Produkten. Zudem kann das Haus im Süden über die Loggia und im Osten über die Werkstatt betreten werden. Bei Bedarf kann sich die offene Halle im Norden und Süden durch große Fenstertüren öffnen und so auch für Märkte und andere Veranstaltungen mit Außenbezug genutzt werden.

Konzept Selbstbau

Für den Bau des Begegnungshauses schlagen wir die Errichtung einer Feldfabrik in Form eines Zeltes auf dem östlichen Teil des Geländes vor. Die Container, Selbstbauelemente und Werkzeuge der beiden HCU- Summerschools können für die Bauphase auch dorthin umziehen und danach weitergenutzt bzw. verarbeitet werden. Einzelne Container könnten nach Fertigstellung des Begegnungshauses zu „Gartenhaus-Follies“ als Teil der Landschaftsgestaltung umgestaltet werden.

Im Bauprozess greifen professionelle Gewerke und Selbstbau ineinander, die Selbstbauanteile (Eigenleistung) sind je nach Bauphase unterschiedlich. Bei den Leistungen professioneller Firmen (Fremdleistung) sollen nach Absprache fachkundige Bewohner, Geflüchtete und Gewerbeschüler mit einbezogen werden.

Das Projektbüro „together together!“

Der Architekturworkshop der HCU-Summerschool zum Auftakt des Gutachterverfahrens brachte vielfältige Ansätze, Konzepte und Erfahrungen zusammen. Die internationale und interdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmer stellte sich im Verlauf der Woche als eine bereichernde, den Planungsprozess auf vielfältige Art prägende Erfahrung dar. Herkömmliche Planungsmethoden konnten hinterfragt und zum Teil neu formuliert werden, sei es durch den Austausch von Lebensgewohnheiten und Bauweisen (Wie sieht ein Backofen in Syrien aus? Wie macht man Ziegel selbst?), sei es durch das Austesten von Arbeitsmethoden und Entwurfsansätzen (Prototypen im 1:1 etc.).

Um diesen Prozess fortzuführen, schlagen wir für die weitere Planung und Umsetzung des Begegnungshauses Poppenbüttel ein in Hamburg ansässiges Projektbüro vor. Die fünf am Gutachterverfahren beteiligten Büros könnten dort ihre unterschiedlichen Expertisen einbringen (Selbstbau, Community building, Standortentwicklung, Baukonstruktion, lokale Bauerfahrung etc.), zudem könnten weiterhin Studierende, Nachbarn, Handwerksschüler und die arbeitssuchenden anerkannten Geflüchteten einbezogen werden.

Das Projektbüro unter der Leitung eines Architekten / einer Architektin der beteiligten Büros koordiniert die Schnittstellen zwischen Selbstbau und professionellen Gewerken und alle weiteren Phasen der Planung und Umsetzung (Genehmigungs- und Ausführungsplanung, Materialbeschaffung für Selbstbau, Ausschreibung und Vergabe notwendiger Gewerke, Bauleitung).

Schauraum und Wissenstransfer

Durch das Projektbüro kann das Begegnungshaus Poppenbüttel in der Öffentlichkeit noch stärker als ein modellhaftes und prototypisches Projekt wahrgenommen werden. Das „Bauen als Integrationsübung“ ist in vielen Gemeinden, die Flüchtlinge aufgenommen haben, ein wichtiges Thema (Beispiel: Transitraum Vorarlberg oder Heimatwerker NRW).

Der Wissenstransfer zu allen Phasen könnte im Projektbüro erarbeitet werden und stattfinden: von der „Phase 0“ (Wie sieht eine sinnvolle Partizipation aus?) bis zur „Phase 10“(Wie und mit wem kann das Haus langfristig betrieben werden?). Auch die Suche nach weiteren Partnern, ehrenamtlichen Helfern und Sponsoren etwa für den langfristigen Betrieb und die Ausstattung des Begegnungshauses könnte im Projektbüro koordiniert werden.

Betreiberkonzept: Gastgeber und Partizipationsbudget

Das Begegnungshaus soll auf lange Sicht von selbstinitiierten Angeboten aus der Nachbarschaft leben, von der Nähwerkstatt über die Geburtstagsfeier bis zum Musikunterricht. Um diesen Prozess anzustoßen und zu moderieren, schlagen wir vor, dass mit den vom Bezirk zur Verfügung gestellten Mitteln zwei Maßnahmen finanziert werden: ein Gastgeber und ein Partizipationsbudget.

Der Gastgeber ist zu definierten Zeiten an der „Rezeption“ neben dem Eingang anwesend. Die Aufgaben des Gastgebers umfassen: Raumbelegung, Beratung und Hilfe bei geplanten Veranstaltungen und Kursen, Einweisung in die Benutzung von Werkstatt und Küche, Ausleihe von Geräten, Bespielung der Infowand auf der Westterrasse etc.

Die alten und neuen Nachbarn können kleine Summen aus einem „Partizipationsbudget“ für der Gemeinschaft zu gute kommende Aktionen und Veranstaltungen beantragen. Über die Verwendung sollte ein aus den Anwohnern gebildeter Rat entscheiden.

Das Café kann entweder in Selbstverwaltung betrieben werden oder tagsüber für eine geringe Pacht an einen langfristigen Betreiber übergeben werden, der idealerweise als Existenzgründer aus der Nachbarschaft kommt.

Die Werkstatt funktioniert nach dem Vorbild des „Fab Lab“ und soll sowohl für alltägliche Reparaturen als auch für die Anfertigung von Möbeln und anderen Gegenständen zur Verfügung stehen.